Dienstag, 25. September 2018

52 Tore in 212 Spielen schoss Niklas Hilgemann für die Senioren vom SuS Stadtlohn. Jetzt heißt für ihn Abschied nehmen. Nach einer chaotischen Saison, an deren Ende der sportliche und wirtschaftliche Abstieg steht, verlässt der 26-Jährige den Verein in Richtung Vreden. Mit AHAUS.jetzt-Reporter Johannes Schmittmann sprach er unter anderem über seinen Wechsel zum direkten Nachbarn, sein schönstes Erlebnis im SuS-Trikot und seine früheren Profi-Ambitionen.

 


Zwölf Jahre hast Du beim SuS gespielt, war die Saison 2017/2018 deine turbulenteste?

Niklas Hilgemann: Es war eine Saison mit Höhen und Tiefen. Wir hatten einige tolle Momente, aber insgesamt überwiegt – vor allem in der öffentlichen Wahrnehmung – der sportliche und wirtschaftliche Abstieg. Dennoch war nicht alles so negativ wie manchmal dargestellt.

Damit meinst Du den Sieg des Krombacher Pokals?

Das war ein Aspekt. Dieser Sieg war uns als Mannschaft sehr wichtig. Vor allem für die Spieler wie mich, die den Verein verlassen. Wir haben uns gesagt: ‚Irgendwas müssen wir noch erreichen.‘ Und das haben wir geschafft. Aber wir hatten auch andere richtig gute Spiele.

Foto: Keirat

Zum Beispiel den Auftaktsieg zur Rückrunde beim Meister in Gievenbeck…

Ganz genau. Wir hatten da zwar auch etwas Spielglück, weil der gegnerische Torwart zweimal patzt, aber nach dieser chaotischen Wintervorbereitung war es eine überragende Leistung. Man hatte uns schon abgeschrieben und mit einem Sieg hatte keine gerechnet. Uns war aber schon da klar, dass wir jeden Punkt brauchen werden, um die Liga halten zu können.

Dem Achtungserfolg folgte aber trotzdem der Einbruch, den viele prognostiziert hatten. Wieso konnte die Mannschaft an die Leistung in Gievenbeck nicht anknüpfen?

Man muss sich die ganze Situation nochmal vor Augen führen. Uns wurde im Winter der Boden unter den Füßen weggezogen. Unsere Wintervorbereitung war eigentlich eine zweite Saisonvorbereitung. Wir mussten die Jugendspieler mit einbinden und schauen, dass grundlegende Mechanismen greifen. Wenn man das bedenkt, haben wir keine schlechte Rückrunde gespielt. In keinem Spiel sind wir untergegangen – mit Ausnahme in Schermbeck.So paradox es klingen mag: In meinen Augen haben wir – im Rahmen unserer Möglichkeiten – dieses halbe Jahr gerockt.

Welche Rolle spielte das Verletzungspech?

Wir hatten einen Kader von 16 Spielern, was eh schon nicht viel ist. Als dann die Verletzungen hinzu kamen, sind wir auf dem Zahnfleisch gegangen. Wir konnten nicht entsprechend reagieren und mussten teilweise mit 13 Feldspieler zu Spielen reisen. Dafür haben wir uns sehr teuer verkauft. Das lag vor allem an der Stimmung im Team. Mannschaftsintern hat es immer gestimmt.

Kommen wir noch einmal auf den Umbruch in Stadtlohn zu sprechen. Wir hat die Mannschaft von der drastischen Kürzung des Etats erfahren?

Kurz vor Jahreswechsel hatten wir eine Sitzung und dort wurde uns mitgeteilt, dass Einsparungen gemacht werden müssen. Direkt im Anschluss haben wir als Mannschaft die Köpfe zusammengesteckt und uns beraten, wie es weitergehen soll. Als Kapitän habe ich gesagt, dass ich die Saison auf jeden Fall zu Ende spielen möchte. Wir wollten nicht, wie es der TSV Marl-Hüls in der Oberliga getan hat, den Spielbetrieb einstellen. Der Trainer war meiner Meinung und auch die sportliche Leitung war mit im Boot.

Wann ist in Dir die Entscheidung gereift, den Verein am Ende der Saison zu verlassen?

Ich bin seit der C-Jugend im Verein, hatte eine tolle Zeit in der Jugend und eine tolle Zeit bei den Senioren. Ich habe den Aufstieg in die Oberliga mitgemacht und genauso den Abstieg. Aber im Frühjahr ist bei mir die Entscheidung gereift, dass ich weiter Westfalenliga spielen möchte. Am liebsten sogar bei einem Verein, der oben angreift und die Chance hat, Oberliga zu spielen. Schon damals war klar, dass das in Stadtlohn auf absehbare Zeit nicht möglich sein wird. Deshalb habe ich mich entschieden, zur Spielvereinigung nach Vreden zu Wechseln.

Gab es von irgendeiner Seite Anfeindungen?

Auf dem Papier sieht es natürlich erstmal aus wie Fahnenflucht, wenn man zum direkten Konkurrenten in der Nachbarschaft wechselt. Aber ich habe mich sauber verabschiedet und kann allen ohne schlechtes Gewissen in die Augen gucken. Es ist sicher nicht der Abschied, den ich mir vorgestellt habe, weil ich lieber mit einem Aufstieg als nach einem Abstieg gegangen wäre. Aber vorzuwerfen habe ich mir nichts.

Die Westfalenliga besteht aber aus 16 Teams. Warum fiel die Wahl ausgerechnet auf Vreden?

Fußball ist nicht mein Hauptberuf, sondern mein Nebenjob und vor allem mein Hobby. Die Entfernung zum Platz spielte bei der Vereinswahl eine große Rolle. Warum sollte ich zu einem Verein wechseln, bei dem ich zu jedem Training eine Stunde mit dem Auto brauche? Ich hoffe, dass man das auch in Stadtlohn versteht. Sorgen mach ich mir deshalb aber sowieso nicht. Ich hatte und habe einen guten Draht zu allen Leuten.

Mit Trainer Rob Reekers kommt ein kompletter Stadtlohn-Block zur SpVgg Vreden: Ist das ein Vorteil?

Erst einmal: Ab dem Trainingsauftakt gibt es nicht mehr ‚die Stadtlohner‘. Wir sind eine Truppe und da sollte man nicht mehr unterscheiden. Im Sommer liegt dann viel Arbeit vor uns. Ich habe aber keine Sorgen, dass wir eine gute Truppe werden.

Du warst Kapitän in Stadtlohn, wie siehst Du deine Rolle im neuen Team?

Vorschusslorbeeren haben schon viele erhalten. Ich muss mich genau wie der Rest erstmal beweisen. Ich möchte natürlich eine gute Rolle spielen und meinen Beitrag für die Mannschaft leisten. Als Führungsspieler werde ich mich als Neuzugang nicht aufdrängen, aber mich auch nicht davor scheuen, Dinge offen anzusprechen.

Was war dein persönliches Highlight aus den zwölf Jahren beim SuS Stadtlohn?

Die Saison 2013/2014 war überragend. Wir sind am Ende in die Oberliga aufgestiegen, haben sensationell Lotte aus dem Pokal gekickt und durften dann gegen Preußen Münster spielen. Wer kann schon von sich behaupten, mal vor 6500 Zuschauern gespielt zu haben? In diesem Spiel haben wir uns wirklich teuer verkauft und waren nah dran an der Sensation.

In der Jugend hast du für Schalke gespielt. Gestern wurde der endgültige Kader für die anstehende Weltmeisterschaft bekannt gegeben. Denkst Du manchmal: Da könnte ich auch stehen, wenn ein paar Dinge anders gelaufen wären?

Klar würde ich auch gerne da spielen, aber die Zeit der Träume ist vorbei. Mit 17 habe ich vielleicht noch so gedacht, aber da bin ich auch meinen Eltern dankbar, dass Sie mir frühzeitig ein zweites Standbein empfohlen haben. Das kann ich auch nur den jungen Spieler raten. Vom Talent her könnten bis zur Regionalliga runter etliche Spieler Bundesliga spielen, aber die Durchlässigkeit des Siebes zur Eliteklasse ist nur sehr dünn. Pech mit Verletzungen, Pech mit Trainer oder zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, haben schon etliche die Bundesligakarriere verwehrt. Deshalb sollte man nie nur auf ein Pferd setzen.

Foto: Keirat

 

 

ANZEIGE