Mittwoch, 24. Oktober 2018

Erst kochten die Emotionen auf dem Platz hoch, dann vor Gericht und schließlich auf der Plattform Facebook. Im Mittelpunkt des Geschehens: Ein 18-jähriger Juniorenfußballer von Eintracht Ahaus. Nachdem er mehrfach rassistisch beleidigt worden war, hatte er sich zu zwei dummen Aktionen hinreißen lassen. Nun stellt sich sein Verein demonstrativ vor ihn. 

Für insgesamt zwölf Monate hatte das Sportgericht den 18-jährigen Fußballer mit libanesischen Wurzeln aus dem Verkehr gezogen. Zunächst drei Monate für einen tätlichen Angriff auf einen Zuschauer in Heek, dann neun weitere Monate für einen Tritt auf den Knöchel seines Gegenspieler samt einiger wüster Worte und eines Balls in Richtung des Schiedsrichters. Auch ein Strafprozess folgte. Weil der Sachverhalt so klar schien, waren Ross und Reiter schnell genannt. „Ein unbelehrbarer Junge“, so das Urteil vieler Außenstehender.


Doch Stück für Stück drangen Details an die Öffentlichkeit, die die Vorfälle in ein anderes Licht rückten. 750 Euro Strafe musste der SV Heek zahlen, weil ein Zuschauer den 18-Jährigen während des Spiels „Schwattkopp“ genannt hatte. Vor dem Ahauser Amtsgericht wurde dann klar, dass das noch eine der harmloseren Beleidigungen war. Unter anderem wurde von den Zuschauern seine Abschiebung gefordert. Mitspieler und Trainer bestätigen außerdem unisono, dass die Vorkommnisse in Heek kein Einzelfall waren.

Wer ist Opfer und wer Täter?

In der vergangenen Woche löste der Facebook-Artikel zum Strafprozess eine hitzige Diskussion unter den Usern aus. Die Gretchenfrage: Wer ist Opfer und wer Täter? Während die einen den offenen Rassismus als „beschämend“ und „wahren Skandal“ bezeichneten, behaupteten andere, dass „bei dem Jungen die Erziehung versagt“ habe und das Verhalten „typisch für ausländische Fußballer“ sei.

Letztere Kommentare stießen seinen Mannschaftskollegen und seinen Trainern sauer auf. Lennart Wesselmann ist seit einem Jahr Co-Trainer der A-Jugend und kennt seinen Spieler genau. „Seitdem ich ihn trainiere, hat er einen super Eindruck hinterlassen. Er war absoluter Stammspieler mit Führungsqualitäten – zwischenzeitig war er sogar unser Kapitän“. Ihn verärgert die Hetzjagd, die auf den Spieler unternommen wurde, maßlos. „Wenn ich von erwachsenen Zuschauern solche rassistischen Kommentare auf und neben dem Fußballplatz höre, fehlen mir die Worte“, so Wesselmann.

Ihm ist wichtig, dass die Aktion gegen den Zuschauer und die spätere Tätlichkeit in Olfen nicht in einen Topf geschmissen werden. „Das in Heek war ein anderes Kaliber. Die Aktion in Olfen soll zwar nicht passieren, aber passiert nun einmal im Fußball. Selbst in der Bundesliga.“

„Kleine disziplinarische Maßnahme“

Er weiß genau, dass sein Schützling kein Kind von Traurigkeit ist. „Es waren natürlich zwei Aussetzer von ihm. Manchmal hat er eine Blockade im Kopf, wenn er so provoziert wird.“ Dennoch sei für ihn die Sache mittlerweile vom Tisch. „Wir haben die Fehler analysiert, ihn klar ermahnt und eine kleine disziplinarische Maßnahme ausgesprochen. Damit ist die Sache für uns erledigt.“ So wie er sehe es die ganze Mannschaft. „Sie nehmen den Spieler wo es nur geht in Schutz und helfen ihm durch die schwere Zeit“, erklärt der Co-Trainer. Ein Indiz für den Teamgeist: Trotz seiner einjährigen Sperre trainiert der 18-jährige noch voll mit.

Doch nicht nur von seiner Mannschaft erhält er Unterstützung, auch die Verantwortlichen des Vereins geben ihm Rückendeckung. Harry Richter, Marketing-Leiter und ehemaliger Vorsitzender des Vereins, hat in diesen Tagen deshalb extra noch einmal das Gespräch mit dem Spieler gesucht. „Wir können das Verhalten des Spieler nicht gutheißen, aber wir haben ein hohe Verantwortung unseren Spieler gegenüber. Wir lassen keinen Spieler fallen“, so Richter. Er habe dem Jungen klar gemacht, dass es keine Rechtfertigung für seine zwei Tätlichkeiten gebe, die Tür aber weiter offen sei.

Verein steht Spieler zur Not juristisch zur Seite

„Natürlich erhält er bestimmte Auflagen von uns, aber er hat sich absolut einsichtig gezeigt. Und falls sich rassistische Beleidigungen wiederholen sollten, stehen wir ihm zur Not auch juristisch zur Seite.“ Das müsse man allein schon deshalb, weil es im Verein viele Spieler mit Migrationshintergrund gebe. Eines machte Harry Richter aber auch deutlich: „Es gibt eine klare Ansage. Das muss die letzte Aktion dieser Art gewesen sein.“

 

Kommentar des Autors:

Ein Jugendfußballer wird nach zwei Tätlichkeiten für insgesamt zwölf Monate gesperrt und muss sich in einem Strafprozess verantworten. Was das für einen 18-jährigen Burschen bedeutet, kann man sich als Außenstehender kaum vorstellen. Trotzdem hört die Hetzjagd nicht auf. „Wegsperren sollte man ihn“, sagt ein Elternteil nach dem ersten Prozesstag. Auf Facebook lautet der erste Kommentar (mittlerweile gelöscht): „Abschieben so lange es noch geht“. Zum Vergleich: Der uruguayische Fußballspieler Luis Suárez wurde als dreifacher Wiederholungstäter für eine Bissattacke bei der WM 2014 für vier Monate gesperrt. Der Verein macht das einzig Richtige: Er stellt sich geschlossen vor den Spieler – ohne dabei die Aktionen des Jungen zu verharmlosen. Zuckerbrot und Peitsche.

Am Ende des Tages könnte diese unrühmliche Geschichte doch noch etwas gebracht haben. Denn leider braucht es immer erst solche Aktionen, bis das Thema Rassismus in unseren Amateurligen auf den Tisch kommt. Klar ist: Integration ist keine Einbahnstraße. Die Regeln auf Deutschlands Fußballplätzen sind für alle gleich. Sie gelten für die 22 Mann auf dem Rasen und für die Zuschauer. Egal ob für Deutsche, Libanesen oder andere Nationalitäten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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