Dienstag, 23. Oktober 2018

In Deutschland hängen die Fahnen seit knapp einer Woche auf Halbmast. Der Grund: Die deutsche Nationalmannschaft hat gegen Mexiko die erste Auftaktniederlage bei einer Weltmeisterschaft seit 1982 kassiert. Hohn und Spott prägen seitdem die Kommentare von (selbsternannten) Experten. Ich stimme in diesen Kanon nicht ein. Dafür gibt es Gründe.

„Wie Özil reagiert, wenn es mal nicht läuft – das sagt doch schon alles über ihn aus!“ Dieser Satz – gerne auch mit Verweis auf die sogenannte Körpersprache – gehört mittlerweile zum Standardrepertoire eines jeden Deutschland-Fans. Ein Blick in den Spiegel würde vielen dabei ganz gut tun. Wie reagieren eigentlich wir Fans, wenn es einmal nicht läuft? Ich war seit 2006 jedes Jahr beim Ahauser Public Viewing in der StattArena. Eine Körpersprache wie beim 0:1 gegen Mexiko habe ich in den 12 Jahren noch nicht gesehen. Statt sich – wie von Özil verlangt – gegen die Niederlage zu stemmen, gab es schon frühzeitig Pfiffe und Beleidigungen. „Aber der verdient ja auch Millionen!“

Keine Bayernfans


Ohne es empirisch untersuchen zu können, unterstelle ich dem Großteil der deutschen Zuschauer kein Anhänger des FC Bayern München zu sein. Und doch ähneln die deutschen Fans mittlerweile erschreckend denen des Rekordmeisters. Siege werden erst ab dem Halbfinale gefeiert, Rückschläge mit Pfiffen quittiert und Spieler beleidigt, die in der Vergangenheit Großes geleistet haben. Fehlen eigentlich nur noch die Klatschpappen. Eine deutsche Band hat 2002 ein Album veröffentlicht, das „Nerver Forget (Where You Come From)“ heißt. Stichwort Rumpelfußball.

Rückschläge in der Gruppenphase

Was haben diese Nationen gemeinsam: Spanien, Jugoslawien, Irland, Serbien, Ghana? – Sie alle knüpften der deutschen Mannschaft bei den vergangenen Weltmeisterschaften in der Vorrunde Punkte ab. Seit 1970 hat es die Nationalelf nicht mehr geschafft, die Gruppenphase mit einer weißen Weste zu überstehen. Trotzdem sind drei von vier Sternen in dieser Zeit auf das Trikot gekommen.

Auftaktpleite als gutes Omen

Nicht nur die deutsche Mannschaft hat im Laufe ihrer Geschichte bewiesen, dass sie mit Rückschlägen umgehen kann. Während die Deutschen 2010 in Südafrika furios mit einem 4:0 gegen Australien startete, kassierten die hochfavorisierten Spanier gegen die Schweiz ein 0:1. Trotzdem hinderte es die Mannschaft von Trainer Vicente del Bosque nicht daran, erst Deutschland auszuschalten und dann im Finale die Holländer zu besiegen. 0:1 zum Auftakt – da war doch was?

Verriss zur rechten Zeit

Man muss eine deutsche Mannschaft nicht feiern, wenn es keinen Grund zum Feiern gibt. Kritik – solange sie konstruktiv ist – ist das gute Recht eines jeden Fans oder Experten. Aber es gibt keinen Grund, für einen vorzeitigen Abgesang. Wenigstens bis zum Abpfiff des morgigen Spiels sollten sich die Fans noch gedulden, bevor es wieder heißt: „Jogi raus“, „Mit Sanè wäre das nicht passiert“ und „Özil und Gündogan waren mit dem Kopf in der Türkei“.

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