Samstag, 22. September 2018

Er ist nur ein kleiner Falter, der Eichenprozessionsspinner. Doch seine Raupen sorgen dafür, dass die beiden Baumpfleger Dietmar Boom und Rudolf Hemker von der Ahauser Firma Gewers seit vier Wochen im Dauereinsatz sind. Ihre Mission: die Nester der Eichenprozessionsspinner aus Bäumen entfernen. Am Freitagmittag sind mehrere Eichen an einer Straße in Oberortwick ihr Einsatzgebiet.

Es ist ein wiederkehrendes Phänomen, aber 2018 hat es Ahaus und die Region besonders hart getroffen. „Das lag am Wetter. Es war in diesem Jahr im Frühjahr zu trocken und zu warm. Die Populationen haben sich im Vergleich zum Vorjahr mindestens verdoppelt“, sagt Dietmar Boom in einer kurzen Pause.

Schutzanzug


Er trägt, ebenso wie sein Kollege, einen Schutzanzug aus Papier, Mundschutz und Handschuhe. Denn die kleinen Brennhärchen der Raupen, die sich schon durch eine vorsichtige Berührung oder einen Windstoß lösen können, können heftige Hautausschläge, Augenreizungen oder Atemprobleme verursachen. Auch Dietmar Boom ist damit „beruflich“ schon in Kontakt gekommen. „Das bleibt nicht aus“, sagt er. Der Juckreiz sei nicht gerade angenehm gewesen. „Das Schlimmste ist, wenn es warm ist und man anfängt zu schwitzen“, ergänzt Rudolf Hemker. „Dann kleben die Härchen noch mehr.“

Den kleinen Viechern, die diesmal in fünf Meter Höhe an einer Eiche sitzen, rückt Dietmar Boom mit Hilfe eines Hubsteigers und eines Industriesaugers zu Leibe. „Abflämmen dauert zu lange“, sagt er. Allenfalls kleine Restbestände werden mit Flammen bekämpft. Die Raupen im Industriesauger landen anschließend in einer Box und werden schlussendlich in einer Müllverbrennungsanlage entsorgt.

Auge zugeschwollen

Dass mit den kleinen Raupen nicht zu spaßen ist, haben sie gerade wieder vor ein paar Tagen gesehen. Ein Mitarbeiter einer anderen Firma habe Totholz aus einem Baum geschnitten. „Über Flugkontakt bekam er Härchen ins Gesicht. Da war ein Auge sofort zugeschwollen.“ Der Mann hatte das Nest im Baum nicht gesehen. Nicht zu übersehen waren dafür vor Kurzem die Nester, die Boom und Hemker an mehreren Bäumen an einem Autobahnrastplatz entfernten. „Die Eichen saßen vom Boden bis in einen Meter Höhe rundherum mit Nestern zu. Die gingen teilweise sogar bis in die Erde.“ Manchmal sind die Nester so groß, dass sie selbst für den Industriesauger in kleinere Häppchen zerteilt werden müssen.

1600 Bäume

In den meisten Fällen wird das Ahauser Unternehmen von der öffentlichen Hand zum Einsatz gegen die Raupen gerufen. Von Straßen.NRW zum Beispiel oder von der Stadt Rhede. Die Nester auf öffentlichem Grund werden vor allem in der Nähe von Kindergärten, Schulen und an Radwegen entfernt. Dietmar Boom: „In Rhede ging die Verwaltung nach ersten Schätzungen von 1000 befallenen Bäumen aus. Mittlerweile sind wir bei 1600 gemeldeten.“ Das Unternehmen fährt schon mit zwei Teams statt mit einem los. Neben öffentlichen Auftraggebern melden sich aktuell viele Privatpersonen bei der Firma. Dietmar Boom: „Heute Morgen waren wir noch auf einem Bauernhof in Stadtlohn und haben Nester aus Eichen entfernt, weil sich die Eltern um die Gesundheit ihrer Kinder sorgten.“

Abstand halten

Ansonsten gilt: Abstand halten von den Raupen. Wenn möglich bis zum Sommer, bis aus ihnen graubraune Schmetterlinge geworden sind, die landläufig als Motten bezeichnet werden. „Ausrotten, das klappt sowieso nicht“, sagt Rudolf Hemker.

Es wird also Zeit, mit dem Eichenprozessionsspinner zu leben. So wie mit der vor Jahren eingewanderten Herkulesstaude oder der heimischen Brennnessel, die nicht unbedingt mit der nackten Hand angefasst werden sollte, wie fast jeder weiß. Wer sich dessen bewusst ist, der macht automatisch einen Bogen um die Tierchen.

Von Christian Bödding

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