Mittwoch, 15. August 2018

Am gestrigen Dienstag jährte sich zum 73. Mal der „Tag der Befreiung“. Es war der Anfang vom Ende des Zweiten Weltkriegs. Volontär Johannes Schmittmann sprach mit seinem Großvater Josef Räwer über dessen Erinnerungen an das Frühjahr 1945. Als 16-Jähriger erlebte er das Ende des Krieges in Stadtlohn, nachdem er mit einem Freund geflüchtet war. 

Josef Räwer wohnt mit seiner Frau Elfriede auf dem Familienhof in Stadtlohn-Estern. Er ist sein Leben lang Landwirt gewesen, war in der CDU aktiv und geht jeden Sonntag in die Kirche. In genau einem Monat feiert er zusammen mit Freunden, Familie, Nachbarn und Weggefährten seinen 90. Geburtstag. Mit den Planungen wollte er so spät wie möglich beginnen. In seinem Alter wisse man nie, was der nächste Tag bringe, sagt er. Ein Satz, der auch in unserem Gespräch über den Weltkrieg fällt.

Die Familienfeste


Seitdem ich meinen Großvater kenne, ist seine Rolle bei Familienfeiern die gleiche geblieben. Sein Stammplatz liegt vor dem Kopf des Tisches. Doch statt eines Patriarchs, der mit Strenge regiert, ist er der Ruhepol, den eine Familie voller Hitzköpfe dringend benötigt. Während im Hintergrund die Urenkel kreischen und die (spät-)pubertierenden Enkel am Tisch zanken, isst er seelenruhig seinen Apfelkuchen mit Schlagsahne – von Elfriede gebacken natürlich. Wenn es ihm mal doch zu bunt wird, schaltet er einfach sein Hörgerät ab. Aus der Haut gefahren, ist er noch nie.

Wenn sich dann gegen Abend die Reihen lichten und aus dem nachmittäglichen Kaffee das abendliche Bier wird, kommt die Zeit für Josef Räwers Geschichten. Es sind fast immer die Selben, die sich dann um den Kopf des Tisches scharen und an den Lippen des 89-Jährigen hängen. Oft geht es um Anekdoten aus der Familiengeschichte, manchmal um Politik und ganz selten um seine persönlichen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg. Doch wenn er über die Ereignisse aus dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte spricht, dann ohne Details wegzulassen oder sich selbst zu schonen. Am gestrigen Dienstag jährte sich der „Tag der Befreiung“ zum 73. Mal. Also beschloss ich, meinem Großvater nach Redaktionsschluss einen Besuch in Stadtlohn-Estern abzustatten, um mit ihm über das Erlebte zu sprechen.

Der Besuch beim Großvater

Trotz seiner 89 Jahre ist Josef Räwer wissbegierig. Die morgendliche Zeitung gehört genauso zum Ritual wie die abendliche Tagesschau. Auf seinem Nachttisch liegt das Buch „Wofür es sich lohnte, das Leben zu wagen“, das in Dokumenten die tragische Geschichte der Stadtlohner Arzt-Familie Machemer während des Zweiten Weltkriegs erzählt. „Was dieser Mann erlebt hat, ist mit dem, was ich erlebt habe, nicht zu vergleichen“, sagt mein Großvater. Dann beginnt er zu erzählen.

Josef Räwers Wehrpass wurde 1945 in Coesfeld ausgestellt.

Mit 16 Jahren meldete sich Josef Räwer am 16. Januar 1945 freiwillig zum Kriegsdienst. Das hatte seinen Grund. In der Nachbarschaft waren drei Jungen in ähnlichem Alter zur Waffen-SS eingezogen und direkt an die Front geschickt worden. „Meine Mutter hat mir gesagt, ich müsse mich fortbilden, damit mir nicht das gleich passiert“, erzählt er. Nachdem der 16-Jährige mehrere Wochen die Reitschule in Borken besucht hatte, meldete er sich bei der Wehrmacht. Den Stempel „Kriegsfreiwilliger“ hatten in seinem Alter nur äußert wenige in ihrem Wehrpass stehen. Er sollte noch einmal zum Pik-Ass werden.

Eine teuflische Odyssee

Sein Freund Fritz Althaus und er landeten bei der Marine. Zum Arbeitsdienst mussten die beiden Jugendlichen nach Kulm an der Weichsel (Polen). „Wir konnten Tag und Nacht die Front kommen hören“, erinnert sich Josef Räwer zurück. Doch schon nach einer Woche brach der junge Trupp die Zelte wieder ab. „Heute glaube ich, dass unser damaliger Abteilungschef dachte: ‚Die Jungs schick ich ohne einen Tag Ausbildung nicht an die Front'“. In Viehwaggons ging es bei minus 20 Grad zurück nach Mitteldeutschland in die Nähe von Heidelberg. „Am Wegesrand sahen wir Tausende Menschen sitzen. Erst im Nachhinein ist mir klar geworden, dass es sich um tote Menschen handelte, die da aufgereiht worden waren“, sagt mir mein Großvater und wechselt vom Hochdeutsch ins Platt.

Josef Räwer berichtet über die Ereignisse aus dem März 1945. Auch seine Frau Elfriede folgt ihm aufmerksam.

Heidelberg war nur eine Zwischenstation. In der Nähe von Bremen wurden der Trupp in einer RAD-Baracke „auf preußische Art geschliffen“ und erhielt die militärische Grundausbildung. „Diese drei, vier Wochen waren sehr hart. Wir hatten keine Verbindung nach Hause, waren noch halbe Kinder und dabei waren wir noch nicht mal die Jüngsten. Manche konnten ihre Gewehre kaum halten“, so die Erinnerungen des heute 89-Jährigen. Am 18. März wurden dann die Vorahnungen Gewissheit: Die Gruppe wurden nicht entlassen, sondern an eine Kompanie bei Wittenberg überstellt. „Da sagte Fritz Althaus zu mir: ‚Jupp, ik för nich met. Ik för erst nach Hus.'“ Josef Räwer dachte zwei, drei Tage nach und entschloss sich dann, mitzukommen. Damit waren die beiden als Fahnenflüchtige zum Abschuss freigegeben.

Die Flucht und die Angst

Bis nach Münster kommen die beiden Stadtlohner fast ohne Probleme. Doch auf der Strecke zwischen Münster und Coesfeld – ungefähr bei Billerbeck – hält der Zug plötzlich an. Die Militärpolizei betritt den Waggon und kontrolliert die Pässe. Panik macht sich breit. Fritz Althaus hat seinen Pass schon lange weggeschmissen und stellt sich schlafend. Als der Polizist meinen Großvater kontrolliert und im Wehrpass den Stempel „Kriegsfreiwilliger“ sieht, geht er weiter ohne Fritz Althaus zu wecken. Es war die letzte Hürde vor der Esterner Heimat.

Die Wiedersehensfreude war groß, aber das Leid in Stadtlohn auch. Der Luftangriff vom 11. März hatte verheerende Schäden angerichtet. Und zwei Tage nach der Ankunft der Jugendlichen folgten die nächsten Flächenbombardements am 21. und 22. März. Doch die Angst vor den britischen Fliegern war nicht Josef Räwers größte Sorge. „Mein Vater hat mir sofort gesagt, dass ich mich möglichst wenig auf dem Hof aufhalten soll. Die Angst kann man gar nicht beschreiben.“ Drei Tage später betraten zwei Militärpolizisten den Hof und trafen ausgerechnet auf meinen Großvater. „Da hatte ich mit dem Leben abgeschlossen.“ Doch die beiden „höflichen Männer“ wollten nur ihr Pferd unterstellen.

Der Einmarsch der „Tommys“

Schon gut einen Monat vor der Kapitulation Deutschlands wurde Stadtlohn von den Engländern eingenommen. Obwohl dieser Tag von vielen Stadtlohnern herbei ersehnt wurde, mussten Josef Räwer und sein Bruder noch eine Schrecksekunde überstehen. Mitten in der Nacht betraten zwei schwerbewaffnete „Tommys“ ihr Schlafzimmer. Josef sprach gar kein Englisch, Ludger ein paar Brocken. Das schien zu reichen. Die beiden Engländer machten auf dem Absatz kehrt – ohne etwas mitzunehmen. Es war der 31. März – Ostersamstag 1945.

Wenn Opa Jupp – wie wir ihn nur nennen – heute über den Krieg spricht, gibt es einen Satz, der immer fällt: „Die Angst war groß, aber die Hilfe auch.“ Und obwohl er kein Wort französisch kann, singt er manchmal „Oh Donna Clara“. Französische Kriegsgefangenen, die auf dem Hof arbeiteten, haben es ihm so lange vorgesungen, bis er es konnte.

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