Mittwoch, 15. August 2018

Alles begann mit einem „Match“ in einer Dating-App. Ein 24-jähriger Ahauser und eine 28-jährige Münsteranerin kamen schnell zur Sache und tauschten per Chat intime Details aus. Als sie sich zum wiederholten Mal vor der Kamera befriedigen sollte, blockte sie jedoch ab. Dann begannen die Drohungen und der versuchte sexuelle Übergriff.

Es war schon fast skurril. Zwei Stunden dauerte der Prozess am Ahauser Amtsgericht und selten gab es wohl während der gesamten Zeit so eine Einigkeit zwischen Richter, Staatsanwalt und Verteidiger. Alle drei waren schier fassungslos über die Ausgangssituation, die zu diesem Prozess geführt hatte. „Uns Robenträgern ist ja eigentlich nichts Menschliches mehr fremd, aber diese Geschichte hat mich ehrlich vom Hocker gehauen“, sprach der Strafverteidiger des Ahausers bei seinem Plädoyer das aus, was alle Außenstehenden im Saal dachten. Doch der Reihe nach.


Kurz vor Weihnachten 2017 kommt es zwischen Timo S.* und Anna R.* auf der Plattform „Lovoo“ zu einem Match (engl.: to match = zusammenpassen). Ohne sich lange mit Nebensächlichkeiten wie dem Kennenlernen der anderen Person zu beschäftigen, führen die beiden einen „sexualisierten Dialog“, wie es der Richter immer wieder nannte. Dass Timo S. eine Freundin hat, verschweigt er. Bereits nach wenigen Sätzen fordert Timo S. Anna R. auf, ihm blind zu vertrauen und ein Spiel mit ihm zu spielen. „Erfülle acht Aufgaben und Du hast drei Wünsche frei“, lautet sein Angebot. Als Anna R. zögert, baut Timo S. immer größeren Druck auf. Er droht, den Kontakt bei einer negativen Antwort sofort abzubrechen. Er sei zu oft enttäuscht worden.

Nacktbilder und Sexualpartner

Also willigt Anna R. mit dem Zusatz ein, „bei Nacktbildern raus“ zu sein. Seine erste Aufgabe: „Schick mir drei Bilder, die Du nicht jedem Kerl schicken würdest.“ Also schickt Anna R. ihm drei Bilder in Unterwäsche. „Sag mir, mit wie vielen Männern Du geschlafen hast“, lautet die zweite Aufforderung. Anna R. zögert erneut. Also beginnt Timo S. Drohungen auszusprechen: „Ich mach das hier nicht zum Spaß. Es gibt keine Kompromisse.“ Anna R. nennt ihm widerwillig die Zahl. 51 verschiedene Männer, ein Dreier und ein paar Frauen sollen es gewesen sein. Timo S. gibt sich geschockt. „Ich weiß nicht, ob ich mit dieser Zahl klar kommen kann.“ Anna R. bekommt ein schlechtes Gewissen. Schließlich ist sie es, die ihn dazu auffordert, ihr weitere Aufgaben zu stellen.

Timos Fantasie ist aber offenbar begrenzt. Das einzige Ziel seines „Spiels“ ist es, immer detailliertere Aufnahmen von Anna R.s nacktem Körper zu erhalten. Obwohl sie sagt, dass sie ihm „die intimen Details lieber live zeigen möchte“, starten die beiden irgendwann einen Videochat. Anna R. masturbiert dabei vor der Kamera. Timo S. kann sie nicht sehen. Er hat das Licht in seinem Zimmer ausgeschaltet. Nur drei Bilder seines erigierten Penis hat er ihr geschickt.

Der Stephanus-Tag

Am Tag vor Heiligabend wollen sich die beiden eigentlich treffen. Doch dazu kommt es nie, weil Timo S. sie versetzt. Auch auf flehende Nachrichten antwortet er nicht. Erst am 26. Dezember – dem Tag des heiligen Stephanus – meldet er sich kurz vor Mitternacht bei Anna R. Angetrunken, wie er sagt.

Doch Anna R. hat offenbar dazu gelernt. Sie sagt ihm mehrfach, dass sie sich nicht noch einmal vor der Kamera befriedigen oder ihm Nacktfotos schicken werde. Während eines Telefonats beginnen dann die Drohungen, die zum Prozess führten. Mehrfach wiederholt Timo S., dass er das „ganze Material“ ins Internet stellen werde, wenn sie sich nicht vor laufender Kamera anfasse. Als Anna R. standhaft bleibt, bricht er jeden Kontakt zu ihr ab. Für sie beginnt die Zeit der Angst.

Am nächsten Morgen schickt sie eine panische Nachricht per Whatsapp: „Zerstör bitte nicht mein Leben. Mein Beruf ist das Einzige seit Langem, was mir Halt gibt. Das würde meine Familie zerstören. Ich will so nicht leben.“ Doch Timo S. ist schon mit seiner Freundin auf dem Weg in den Urlaub. Auf eine Antwort – egal in welcher Form – wartet Anna R. trotz mehrerer Kontaktversuche vergeblich. Sie sieht nur noch einen Ausweg: den Gang zur Polizei.

Richter: „Moralisch verwerflich“

Vor Gericht war der 24-jährige Ahauser sofort voll geständig. Er räumt ein, dass „alles genauso war, wie in der Anklage verlesen wurde“. Doch das reichte dem Richter nicht, denn bei der Analyse seines Smartphones stellte die Polizei fest, dass er gleich mit acht Frauen gleichzeitig auf ähnlich intime Weise kommuniziert hatte. „Warum verarschen Sie die Frauen so?“, fragte der Richter mit sichtlichem Unverständnis. Die Antwort: „Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich aus purer Langeweile.“ Keinen Hehl machte der Richter über sein völliges Unverständnis für die Tat: „Das ganze Vorgehen war im höchsten Maße moralisch verwerflich.“ Deshalb entschied er auch, dass es sich bei dem versuchten sexuellen Übergriff nicht um einen minder schweren Fall handelte und verurteilte den 24-Jährigen zu 90 Tagessätzen a 70 Euro.

Kritik äußerten Staatsanwalt und Richter aber auch an der 28-jährigen Münsteranerin. „Wie man einem fremden Mann nach wenigen Stunden so vertrauen kann, ist mir schleierhaft. Es war naiv und absolut leichtgläubig“, so der Vertreter der Staatsanwaltschaft.

*Namen von der Redaktion geändert

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